Habe ich jetzt den einzigen Firmenstand auf dem gesamten Kongress gefunden?
Die Frage kam von einer Besucherin, die zu unserem Tisch geschlendert kam – neugierig, nicht anklagend. Eine berechtigte Frage inmitten eines Kollektivs aus Hackspaces und Kreativität wie dem Chaos Communication Congress. Die kurze Antwort: Nein. Kommerzielle Akteure gab es hier schon früher. Es war nur das erste Mal, dass wir dort waren.
Die lange Antwort? Die macht klar, warum die Frage trotzdem Sinn ergibt. Ja, es gab noch andere Firmen wie zum Beispiel Blinkyparts: bestens ausgestattet und durchgehend gut besucht. Aber nur ein paar Schritte weiter gab es die kostenlose Hardware-Tauschbörse. Kisten voller Bauteile, halbfertiger Projekte, Adapter, Kabel, oder auch Werkzeugen, die alle möglichen Leute hier abgestellt hatten, um Anderen damit eine Freude zu machen, die sie noch brauchen konnten. Dieser Kontrast erklärt vieles über diesen Ort. Werkzeuge werden als gemeinsame Infrastruktur behandelt. Wissen und Neugier sind die wahren Währungen.
Assemblies, Infrastruktur und Verlässlichkeit
Der CCC ist kein Messegelände mit Ständen und Gängen, sondern ein Mikrokosmos aus Assemblies: selbstorganisierte Räume von Communities, die selbst entscheiden, was sie vier Tage lang machen, teilen, oder bauen wollen. Wir landeten in der Hardware Hacking Area, wo sich alles um ganz reale, „physische Dinge“ dreht. Hier wurde gelötet, gefrickelt und ausprobiert. Größen wie Mitch Altman hielten ihre Workshops ab, dazwischen war auch Zeit für spontane Hilfe-Sessions direkt am Tisch. Und ganz im Spirit des Congress ist es selbstverständlich, dass du deinen Nebensitzern hilfst, sobald du mit dem Löten deiner eigenen Platine fertig bist.

In einer Lernumgebung mit heißen Lötkolben und zittrigen Händen ist Zuverlässigkeit kein Nice-to-have. Sie macht den Unterschied, ob aus Neugier Können wird – oder ob alles ins Stocken gerät. Insgesamt waren hier 96 unserer Lötkolben im Dauereinsatz, von morgens bis weit nach Mitternacht. Sie wurden für Workshops gebraucht, für Wettbewerbe, und sowohl von absoluten Anfängern genutzt als auch von Leuten, die eindeutig genau wussten, was sie da taten. Unter anderem waren sie auch beim Handlöt-Wettbewerb der SegFaultDragons – ein gezielter Test für Profis. Der erste Preis? Natürlich einer unserer Lötkolben!
Das war ein ziemlicher Stresstest – sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Lötkolben selbst. Die Ergebnisse waren zum Glück wirklich beeindruckend!
Was uns überrascht hat: Wie viele Menschen aktiv etwas zurückgeben wollten. Zwar finanzieren wir die iFixit-Plattform und unsere Lobbyarbeit für das Recht auf Reparatur über den Verkauf von Werkzeugen und Ersatzteilen – aber viele wollten ausdrücklich spenden. Der Impuls kam aus demselben Mindset wie die Hardware-Tauschbörse: Wenn etwas Lernen ermöglicht, verdient es kollektive Unterstützung. Das ist tief in der DNA des Congress verankert. Und für alle, die sich fragen, wie man unsere Bildungsarbeit über einen Kauf hinaus unterstützen kann: Es gibt einen Weg. Spendet an die iFixit Foundation. Sie unterstützt unser Bildungsprogramm, das mittlerweile mit über 100 Hochschulen weltweit zusammenarbeitet, um Reparatur und technisches Schreiben zu unterrichten. Wer an einer Veranstaltung wie dem Congress teilnimmt, leistet natürlich schon seinen Beitrag. Sich die Zeit zu nehmen, anderen das Reparieren beizubringen – sei es durch Beantwortung von Fragen in Online-Foren oder indem man selbst zum Lötkolben greift – ist eine großartige Möglichkeit, die Saat für eine reparierbare Zukunft zu säen.
Lernen darf auch schnurren (und fauchen)
Die Herangehensweise ans Lernen zeigte sich auf bewusst spielerische Weise. Kliment leitete einen Workshop rund um eine kleine, katzenförmige Leiterplatte. Wenn sie richtig zusammengelötet wird, schnurrt oder faucht sie, je nachdem, ob man sie mit oder gegen den Strich streichelt. Obwohl es bei vielen mehr als einen Versuch brauchte, wurde bei diesem Workshop viel gelacht, bis alle den richtigen Dreh raus hatten und ihre Katzen schnurrten. Durch dieses unmittelbare, taktiles Feedback lernt man schnell, wie empfindlich Bauteile reagieren – und wie wichtig Präzision ist.

Kliments Vortrag „Building hardware – easier than ever – harder than it should be„ machte genau dieses Spannungsfeld deutlich: Der Zugang zu Werkzeugen und Wissen war noch nie so einfach wie heute, aber soziale und kulturelle Hürden hindern viele Menschen daran, den Einstieg zu wagen. Diese Sichtweise fand weit über den Saal hinaus Anklang. Hackaday hat den Vortrag als Einstieg als narrativen Einstieg in den Congress auf, weil er den Kern der Reparaturkultur berührt: Wenn man es schafft, diese Barrieren abzubauen, lernen Menschen nicht nur schneller, sie bleiben auch länger dabei.
Diese Selbstwirksamkeit beschränkt sich nicht auf Hardware. In Vorträgen wie „The Heartbreak Machine: Nazis in the Echo Chamber„ wurde das in einem ganz anderen Kontext beleuchtet: Wenn man sich die technischen Fähigkeiten aneignet, Fakten recherchiert und beharrlich bleibt, kann man schädliche Systeme nicht nur aufdecken, sondern auch zerstören. Das Thema war hier zwar ein Anderes, aber die zugrundeliegende Überzeugung war dieselbe: Ein Kreislauf aus Erforschung, Klarheit, Vertrauen und Stärke – ein “Power Cycle” also, das Motto des diesjährigen Congress können auch komplexe Probleme und festgefahrene Strukturen verstanden und verändert werden.
Das Spielerische darf dabei nicht zu kurz kommen! Nur ein kurzer Fußweg trennte Vorträge über Infrastruktur, Missbrauch und Macht vom Bällebad. Kein Scherz! Ein echtes Bällebad für Erwachsene als Teil des offiziellen Programms. Abschalten, fachsimpeln oder einfach das Gehirn zwischen den Sessions reseten. Hier war das Druckventil. Die Erinnerung daran, dass Neugier am besten da funktioniert, wo man auch mal ein bisschen albern sein darf.
Handlungsfähigkeit. Überall.
Was all diese Momente verbindet, ist ein gemeinsames Gefühl von Handlungsfähigkeit. Auf dem Chaos Communication Congress konsumieren Menschen Technologie nicht einfach – sie hinterfragen sie, bauen sie um und passen sie an ihre Bedürfnisse an. Die gleiche Denkweise, die technisch tiefgehende Vorträge über Infrastruktur, Sicherheit oder Ethik antreibt, zeigt sich genauso deutlich am Löttisch. Wenn ein System wichtig ist, solltest du es verstehen können. Genau da kommt die Reparaturkultur ins Spiel. Ein verstandenes Werkzeug ist eine reduzierte Abhängigkeit. Zuzusehen, wie Menschen so fließend zwischen Lernen, Reparieren und Lehren wechseln, machte diese Verbindung unmöglich zu übersehen. Während des gesamten Congress tauchte immer wieder dieselbe Frage auf – manchmal in Vorträgen über Macht und Missbrauch, manchmal an Arbeitstischen und Lötstationen. Wer kontrolliert die Systeme, von denen wir abhängig sind? Und was braucht es, um Widerstand zu leisten, wenn sie versagen oder missbraucht werden? Unterschiedliches Ausmaß. Derselbe Instinkt.
Nichts ist unmöglich
Was bei mir am meisten hängen bleibt, war die Zuversicht im Raum. Nicht, weil alles einfach war – sondern weil Schwierigkeit dort nicht als Stoppschild galt. Signal zum Aufhören behandelt wurde. Mit den richtigen Werkzeugen, geteiltem Wissen und einer Community, die Lernen als kollektive Aufgabe begreift, fühlten sich selbst komplexe Systeme zugänglich an. Das ist genau die Denkweise, auf die Reparatur angewiesen ist – und genau deshalb war iFixit beim Congress genau am richtigen Ort.
Gemeinsam können wir alles reparieren.
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