Falls du es noch nicht gehört hast: Die Forschungs- und Entwicklungsteams von BMW sind fleißig am „Innovieren“. Leider konzentrieren sie sich dabei nicht auf die Dinge, auf die es wirklich ankommt, etwa die herausragende Motorleistung oder die legendäre Fahrdynamik, die Autonarren so lieben. Stattdessen haben die Chefetagen entschieden, dass die beste Verwendung ihres Entwicklungsbudgets darin besteht, eine proprietäre Sicherheitsschraube zu entwickeln, die BMW-Fahrer gezielt daran hindern soll, ihre eigenen Autos zu reparieren.

Auf den ersten Blick ist es fast niedlich: ein Schraubenkopf, der exakt wie das BMW-Logo geformt ist. Aber der Charme verfliegt in dem Moment, in dem man die physikalischen Zusammenhänge bedenkt. Weil bei diesem Kopf das Branding wichtiger ist als die Funktionalität, halten weder der Bit noch der Schraubenkopf dem Drehmoment eines Standard-Torx- oder Sechskantschlüssels stand. Das Ergebnis? Kaputte Bits, ausgefranste Schrauben und jede Menge verlorene Zeit für eine eigentlich simple Aufgabe.
Ein Meisterwerk antifunktionalen Designs. Für den flüchtigen Betrachter scheint die Schraube keinen anderen Zweck zu erfüllen, als „cool“ auszusehen, in der Praxis führt das Gimmick aber dazu, dass ein normaler Werkzeugkasten für grundlegende Wartungsarbeiten nicht mehr ausreicht. Und das ist kein Versehen: In Abschnitt [0006] des Patents wird dies sogar ausdrücklich als eine Funktion des Designs genannt: „…zu verhindern, dass sie von Unbefugten gelockert oder festgezogen werden…“.
Dieser selbstbezogene Protektionismus ist auch kein Einzelfall, sondern fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Unser CEO Kyle Wiens hat das selbst erlebt, bei einem Besuch im Recycling- und Demontagezentrum (RDC) von BMW in Landshut, nördlich von München. Dort werden Materialien aus Vorserienfahrzeugen und Prototypen zurückgewonnen, die niemals in Verbraucherhände gelangen. Jährlich verarbeitet das RDC ein paar tausend Fahrzeuge. Das ist ein winziger Bruchteil der mehr als eine Million Autos die BMW 2025 allein in Deutschland produziert hat.
BMW scheut sich auch nicht, diese einzigartige Einrichtung als „Blaupause für die Branche“ zu bezeichnen, und erklärt: „Angesichts neuer Vorschriften und der ehrgeizigen Ziele der BMW Group wird das RDC künftig eine noch wichtigere Rolle spielen…“ (Hervorhebung von uns). Neue Vorschriften führen also dazu, dass man sich neue ehrgeizige Ziele setzt. Aha.
Die kaum verhohlene Feindseligkeit gegenüber Reparatur und Wiederverwendung zeigt sich in den Werkshallen noch deutlicher. Wie Kyle bei seinem Besuch feststellte, hat die Technikabteilung von BMW ein cleveres Werkzeug entwickelt, um Öl aus Stoßdämpfern abzulassen, damit es wiederverwendet werden kann: „Als ein Mitglied meiner Besuchergruppe fragte, ob BMW dieses Werkzeug an andere Instandsetzer verkaufen würde, schaute der Mitarbeiter irritiert, offenbar hielt er den Vorschlag für völlig absurd. Dieses Werkzeug war ihr geistiges Eigentum; es wurde von BMW für BMW entwickelt. Das angemeldete Patent stelle zudem sicher, dass niemand sonst etwas Vergleichbares bauen könne. So viel zur „Blaupause für die Branche“.
„Dieses Werkzeug war ihr geistiges Eigentum; es wurde von BMW für BMW entwickelt. Und das Patent, das sie dafür angemeldet haben, stellt sicher, dass niemand sonst etwas Ähnliches erfinden kann.“
Kyle Wiens; „Geistiges Eigentum gefährdet die Kreislaufwirtschaft“ für The Guardian
Zur Verteidigung von BMW – und einer stetig wachsenden Liste anderer Hersteller, die verzweifelt versuchen, ihre Ökosysteme abzuschotten – muss man sagen: Das ist nicht ihre erste dumme Idee. Sie sind noch nicht einmal die ersten, die Sicherheitsschrauben verwenden. Die ersten Varianten gehen auf die Einwegschraube aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert zurück. Seitdem erleben wir eine Parade angeblich „manipulationssicherer“ Schrauben, die den Markt fluten, darunter besonders perfide Designs wie die Pentalobe-Schrauben in iPhones.
Die Begründungen klingen immer gleich: Diebstahlschutz oder der angebliche „Schutz“ der Menschen vor gefährlichen Komponenten. Für öffentliche Infrastruktur oder Hochspannungskästen mag das sinnvoll sein. Bei Verbraucherprodukten fällt dieses Argument in sich zusammen. In deiner eigenen Garage geht es dabei nicht um Sicherheit, sondern um Hürden für echtes Eigentum..

Um das klarzustellen: Wir sind nicht grundsätzlich gegen neue Schraubentypen. Unsere hauseigenen Maschinenbauingenieure schwärmen regelmäßig von den funktionalen Vorteilen abriebfester Torx-Plus-Schrauben gegenüber klassischen Torx- oder Sechskantvarianten. Schrauben entwickeln sich weiter – und das ist auch gut so. Proprietäre Sicherheitsschrauben haben damit aber nichts zu tun.
Wie bei jeder Masche, die darauf abzielt, Reparaturen zu unterdrücken, lässt sich die Heimwerker-Community das nicht gefallen. Das Team von Adafruit brauchte nicht einmal eine echte Schraube, um diese Runde zu gewinnen. Sie nutzten die Patentanmeldungen von BMW, um die Abmessungen abzubilden und einen nachgebauten Bit zu drucken, um das Schloss zu knacken.

Hier stößt BMWs Plan an seine Grenzen. Wir leben in einer Zeit, in der die Strategien von Industriegiganten von einer einzelnen Person mit einem 200-Dollar-Drucker und etwas Einfallsreichtum ausgehebelt werden können. Die Tatsache, dass eine Graswurzel-Initiative eine millionenschwere „Sicherheits“-Initiative innerhalb weniger Tage aushebeln kann, spricht Bände.
Das Blatt wendet sich. In den USA machen wir große Fortschritte bei der Sicherung des Rechts auf Reparatur, und das gilt sowohl für Nutz- als auch für Privatfahrzeuge. In diesem Klima wirkt BMWs Versuch, Hardware mit proprietären Schrauben abzuriegeln, nicht nur taktlos, sondern auch durchsichtig: Es ist ein verzweifelter Versuch, noch ein bisschen mehr Kontrolle und Geld herauszupressen.
4 Kommentare
Für mich ein Grund mehr, keinen BMW zu kaufen/fahren.
Ich werde mein "altes" Auto (FORD) so lange wie möglich erhalten und weiter fahren.
Leider bekommt auch dieses mehr und mehr "elektrische Macken", aber bisher habe ich diese in den Griff bekommen bzw. kann damit leben.
Diesen ganzen elektrischen/elektronischen Schnickschnack brauche ich zum Glück nicht.
Heilemacher - Antwort Teilen
Bestätigung pur! Mein Hass auf die Automobilkonzerne wächst aus vielerlei Gründen kontinuierlich. Aus diesem Grund (neben dem Nachhaltigkeitsaspekt) fahre ich seit über 4 Jahrzehnten nur gebrauchte 20-30... Jahre alte Fahrzeuge: je elektronik-ärmer, desto besser: denn hier liegt DAS Instrument der temporären Sollbruchstelle seitens der Automobilindustrie!
afroh - Antwort Teilen
Einfach reverse ingeniering um es selbst zu reparieren. iFixit ich warte. Einfach Mittelfinger zurück an BMW.
Dennis Hoppe - Antwort Teilen
Sorry, aber das ist keine sachliche Kritik sondern pure Aktivismus-Prosa. Wenn ein 200-Dollar-Drucker die "millionenschwere Sicherheitsinitiative" innerhalb weniger Tage neutralisiert, dann ist so eine Schraube keine ernsthafte Einschränkung des Rechts auf Reparatur, sondern eine kleine Unannehmlichkeit. Wer so einen simplen Hack feiert, hat gerade selbst bewiesen, dass sein Bedrohungsszenario an den Haaren herbeigezogen ist. Außerdem: Legitime Gründe für Sicherheitsschrauben werden einfach weggewischt: Ihr übergeht dabei völlig, dass moderne Elektrofahrzeuge tatsächlich Hochvoltkomponenten enthalten, bei denen unkontrollierte Eingriffe lebensbedrohlich sein können. Die Grenze zwischen "legitimer Sicherheit" und "Verbraucherfeindlichkeit" ist viel komplexer als behauptet. Lasst mich raten: Bei iFixit kennt man sich ein bisschen amateurmäßig mit Mobilgeräten aus, hält selbst eingetragene Marken- und Schutzrechte an seinem Werkzeug, hat aber noch kein E-Fahrzeug im Fuhrpark :)
Justin Case - Antwort Teilen