Selbermacher

Von der Vollzeitmutter zur Mikrolötexpertin

Als ihre Kinder ihr mitteilten, dass die Toilette in ihrem Zuhause in New York nicht mehr richtig funktionierte, schöpfte Jessa Jones- Burdett zunächst keinen Verdacht, dass etwas im Argen lag. In einem Haus mit vier kleinen Kindern und zwei Erwachsenen unterliegen schließlich alle Gegenstände – auch Toiletten – einer gewissen Alltagsbelastung. Eine launische Toilette war da nichts Besonderes.

Auch als sie später ihr iPhone nicht finden konnte, kam ihr nicht in den Sinn, dass etwas nicht stimmen könnte. Die Kinder räumten es ständig von einem Ort zum anderen und sie war sich sicher, dass das fehlende Handy wieder auftauchen würde.

Erst, als Jessa Find My iPhone öffnete und ein vorwurfsvolles „X“ sah statt einem Ort, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Die verstopfte Toilette war kein Zufall. Eines der Kinder hatte das Handy die Toilette hinuntergespült und dort war es immer noch, fest verkantet im Abflussrohr. Und Jessa musste es wieder herausbekommen.

Sie versuchte, das störrische Handy mit einer Rohrreinigungswelle zu lösen. Aber erfolglos: Das iPhone steckte iFest.

„Ich war so entnervt“, erinnert sich Jessa. „Ich habe die Toilette auf die Auffahrt vor dem Haus geschleppt und […] mit einem Vorschlaghammer kurz und klein geschlagen, direkt auf der Auffahrt. Und da war es: Mein iPhone, genau in der Rohrkrümmung.“

Two boys and the toilet that started iPad Rehab
Jessas Söhne posieren mit der iToilette, bevor sie mit dem Vorschlaghammer kurz und klein geschlagen wurde.

Aus dem Rohr befreit, war das iPhone komplett durchnässt, aber erstaunlich intakt. Nachdem Jessa es mit Alkohol gereinigt und getrocknet hatte, ließ es sich anschalten. Das Display funktionierte und auch die Kamera war nicht beschädigt, aber es ließ sich nicht mehr laden. Nach einigem Suchen im Forum von iFixit gelangte Jessa zu dem Schluss, dass eine winzige Empfängerspule, die für das Aufladen nötig ist, dem Tauchgang des iPhones zum Opfer gefallen war.

„Und es klang nach einem kleinen, einfachen Problem“, sagte Jessa. „Also habe ich angefangen zu recherchieren, wie man diese eine kleine Funktion wiederherstellt.“

Diese Recherche sollte ihr Leben verändern. Ein paar Jahre nach der Sache mit der Toilette ist Jessa nun eine Meisterin im Reparieren elektronischer Geräte, eine Expertin im Mikrolöten und Besitzerin einer florierenden Werkstatt für Reparaturen auf Leiterplattenebene: iPad Rehab. Und all das neben ihren Aufgaben als Vollzeitmutter.

Einmal Tüftlerin, immer Tüftlerin

Wie also hat diese vielbeschäftigte Mutter ihre Berufung in der Reparatur von Elektronik gefunden? Wie es sich herausstellt, war es gar kein so großer Schritt. Jessa war schon immer eine Tüftlerin und für die Handwerksarbeiten in der Familie zuständig. Sie war schon immer gut darin gewesen, Probleme zu lösen. Und sie hatte schon die meiste Zeit ihres Lebens damit verbracht, Dinge zu reparieren – nur waren es bis dahin nicht mechanische, sondern organische Dinge.

Nach ihrem Studium der Molekularbiologie an der University of Maryland at College Park hatte Jess an der Johns Hopkins School of Medicine promoviert. Sie untersuchte DNA-Mutationen und ihren Zusammenhang mit Krankheiten wie Krebs. Und sie hatte dieses Fachgebiet ausgewählt, weil sie den menschlichen Körper auf Zellebene reparieren wollte.

„Es ist nicht so mein Ding, nur zu lernen, um zu verstehen. Ich will verstehen, um reparieren zu können“, erklärte Jessa.

Nach ihrer Zeit an der Johns Hopkins bekam Jessa zwei Söhne und lehrte Biologie an einer New Yorker Universität. Es war eine anstrengende, aber schöne Zeit. Dann wurde für sie und ihren Mann, Jeff Burdett, das Leben aber noch einmal auf den Kopf gestellt: Sie bekamen Zwillingstöchter. Jessa verließ die Universität, um sich als Vollzeitmutter der Erziehung ihrer Kinder zu widmen.

Erst, als ihr iPhone im Ablfussrohr der Toilette landete, lebte ihre Begeisterung, Dinge zu reparieren, wieder auf. Und als ausgebildete Molekularbiologin war es kein Wunder, dass besonders die Reparatur wirklich sehr kleiner Dinge sie faszinierte.

Reparatur auf Mikro-Ebene

Das hinuntergespülte iPhone war eine interessante Herausforderung für Jessa. Für die Wiederherstellung der Empfängerspule musste sie behutsame Reparaturen direkt auf dem Motherboard vornehmen. Im Prinzip musste Jessa eine Operation am Gehirn ihres Handys durchführen.

„Viele Leute glauben: ‚Wenn ich etwas auf dem Motherboard falsch mache, dann war’s das.‘ Dass man das ganze Motherboard ersetzen muss, also praktisch das ganze Gerät. Und das stimmt nicht“, erklärte Jessa. „Viele Komponenten auf dem Motherboard sind wie winzigkleine Legosteine. Man muss diejenige finden, die kaputt ist, dann kann man sie entfernen und eine andere einsetzen.“

Aber für dieses Verfahren – eine Mikrokomponente vom Motherboard zu lösen und zu ersetzen – muss man das Mikrolöten beherrschen, eine Präzisionsarbeit, die in den USA nur von wenigen durchgeführt wird. Sie wird hauptsächlich in China, Indien und Osteuropa praktiziert. An Orten, wo Ressourcen und Ersatzteile schwieriger zu bekommen sind.

the micro soldering stay-at-home mom who runs iPad Rehab
Jessa in ihrem früheren Esszimmer.

„Es sah so aus, als gäbe es – vor allem für Leute aus der osteuropäischen Gruppe – eine größere Notwendigkeit, Dinge zu reparieren, als das bei uns der Fall ist“, sagte Jess über ihre ersten Recherchen zum Mikrolöten. „Es ist wahrscheinlich nicht so leicht, einfach zum Apple Store zu gehen und ein neues iPhone zu besorgen, also müssen sie reparieren, was sie haben. Sie sind einfach die absoluten Meister im Reparieren.“

Jessa fand die Experten online und bat sie, sie alles zu lehren, was sie wussten. Sie kaufte die richtige Ausrüstung und übte an Handys, die irreparabel kaputt waren. Ein Jahr lang lernte Jessa nach dem trial-and- error-Prinzip, bis sie das Mikrolöten beherrschte. Und 2013 beschloss sie dann, ihre neue Fähigkeit sinnvoll anzuwenden: Sie gründete MommyFixit, einen Rundum-Reparaturservice für elektronische Geräte, den sie von zu Hause aus betrieb.

Jessa reparierte kaputte Displays, tauschte Akkus aus und reparierte Motherboards. Aber die Nachfrage nach Reparaturen auf Leiterplattenebene war so hoch, dass sie sich letztendlich auf das Mikrolöten spezialisierte. MommyFixit wurde iPad Rehab. Inzwischen führt sie zwanzig bis dreißig Reparaturen pro Woche durch („von morgens bis abends, jeden Tag“, lachte sie). Ihre Kunden sind zumeist andere Reparaturwerkstätten, die ihr die Leiterplatten schicken, deren Reparatur nicht geglückt ist. Sie repariert die Platten zu Hause und schickt sie zurück.

Im Prinzip erweckt Jessa Tote zum Leben. Sie haucht Geräten wieder Leben ein, die jenseits von Gut und Böse sind – denen, die ganz und gar verloren sind.

„Es ist natürlich eine persönliche Befriedigung, ein Gerät, das nur noch als Briefbeschwerer taugt, wieder zum Leben zu erwecken“, sagte Jessa. „Das ist immer eine tolle Erfahrung, wie eine Droge.“

Und sie versucht, ihre Freude am Reparieren mit ihren Kindern zu teilen. Jessas siebenjähriger Sohn kann iPad-Displays reparieren. Ihr Neunjähriger lötet gern. Und ihre Zwillingstöchter betrachten Jessas Werkzeugkasten als Erweiterung ihrer Spielzeugsammlung. Im Haushalt der Burdetts ist das Reparieren also eine richtige Familienaktivität.

Boy doing iPad repair at iPad Rehab
„Schau mal, Mama, ein neues Display!“ – Jessas Sohn Sam hält ein iPad hoch, das er gerade repariert hat.

Zusatzeinkommen für Vollzeitmütter

Wenn es nach Jessa geht, wird sie nicht mehr lange die einzige Vollzeitmutter der Stadt bleiben, die elektronische Geräte repariert. Denn sie bildet andere Mütter zu mobilen Reparaturtechnikerinnen aus. Sie lehrt sie Reparaturkenntnisse, stellt ihnen Räumlichkeiten zum Üben zur Verfügung, besorgt ihnen Ersatzteile und vermittelt ihnen das nötige Selbstvertrauen, ihre eigenen MommyFixit- Reparaturwerkstätten zu eröffnen. Es ist eine Arbeit, die sie ausüben können, ohne das Gefühl zu haben, ihre Familie zu vernachlässigen, erklärte Jessa. Die Mütter können Handys reparieren, während ihre Kinder in der Schule sind, oder ein iPad retten, wenn die Kleinkinder Mittagsschlaf halten.

„Die Vollzeitmutter-Community ist riesig und platzt vor Talent“, erklärte Jessa. „Jede würde gern etwas tun, um etwas Geld zu verdienen und dabei ihr Hirn einzusetzen. Und es gibt wirklich keinen Grund, warum das nicht Reparaturen sein sollten. Frauen sind ganz besonders gut darin, winzigkleine Geräte zu reparieren.“

Dazu kommt, dass man eine häusliche Reparaturwerkstatt betreiben kann, ohne dubiose Cremes, Schmuck oder Messer zu verkaufen. Keine kultartigen Netzwerk-Marketing-Seminare. Keine aggressiven Verkaufspartys für Familie und Freunde. Keine Verkaufsquoten. Nur Schraubenzieher, einen Arbeitsplatz und ein paar Ersatzteile – mehr braucht es nicht, um ein totgeglaubtes Gerät wieder zum Leben zu erwecken. Und nicht nur Erfolgserlebnisse zu erzielen, sondern auch ein nettes kleines Zusatzeinkommen.

UPDATE: Viele Leserinnen und Leser wollten wissen, welche Ausrüstung Jessa verwendet. Also haben wir sie gefragt. Ihre Lötstation ist die Hakko FM-203 mit der FM-2023 Lötpinzette, einem FM-2032 Feinlötkolben und einem normalen Standard-Lötkolben von Hakko. Außerdem hat sie eine Hakko Heißluftstation. Ihr Mikroskop ist das AmScope SM-4TZ-144A Professional Trinocular Stereo Zoom Microscope.

Schau dir auch Jessas Website an. Dort gibt es massenhaft Infos zur Reparatur elektronischer Geräte und zum Mikrolöten. Um noch mehr Tipps und Ideen zum Reparieren zu erhalten, folge ihr auf Facebook.

Disclaimer: Dieser Text stammt im Original von Julia Bluff und wurde übersetzt von Maria Parker.