Mach deine Altgeräte nicht zu Elektroschrott. Verkauf sie lieber!
Elektroschrott

Mach deine Altgeräte nicht zu Elektroschrott. Verkauf sie lieber!

Wir werden oft gefragt, wie man Elektroschrott richtig entsorgt. Wer bei iFixit arbeitet, muss das schließlich wissen, oder? Stimmt! Trotzdem müssen wir dich enttäuschen: Wir wollen gar nicht, dass du deine elektronischen Altlasten so lange verstauben lässt, bis das Wertstoffmobil mal wieder in deiner Straße steht. Wir wollen, dass du jemanden findest, der sie noch brauchen kann! Denn genau das ist die nachhaltigste Option: die Dinge länger nutzen.

Klar, niemand von uns verhält sich immer nachhaltig und keiner weiß zweifelsfrei, was das Beste für den Planeten ist. Wir haben alle schon die „Nr. 37 mit scharfer Soße“ bestellt und danach die Papp- und Styroporschachteln mit schlechtem Gewissen ganz tief in den Müllsack geschoben, weil wir doch eigentlich darauf achten, dass unser Essen Bio ist. Bei Elektrogeräten ist die Antwort ziemlich eindeutig: Weiterverwenden ist besser als Wertstoffhof. Dort angekommen landet nämlich nur ein kleiner Bruchteil im Recycling – und Recycling bedeutet sowieso Schreddern mit großen Verlusten.

Also überwinde deinen Schweinehund und verkaufe, spende oder verschenke deine Elektrogeräte einfach, sobald du sie nicht mehr brauchst. Vertagst du diese Entscheidung, verlieren deine Sachen an Wert, die Akkus gehen kaputt und irgendwann quillt die Box mit den aussortierten Geräten über.

Von den wertvollen verbauten Ressourcen wie Kobalt oder sich schlimmstenfalls entzündenden Akkus wollen wir gar nicht erst anfangen. Wir fragen uns eher, warum es uns eigentlich so schwerfällt mit Dingen abzuschließen und sie endgültig auszusortieren. Lass uns das gemeinsam überwinden.

Aller Abschied fällt schwer

Ein Chromebook, das man schon viel früher aus dem Keller hätte retten sollen.

Wenn du dir ein neues Gerät kaufst und es zum ersten Mal einschaltest, ist es so richtig motiviert, dein bester Freund zu werden. Es sagt “Willkommen”, “Hallo”, “Lass uns loslegen” und manchmal noch viel mehr. Kleine Sprechblasen und Pfeile zeigen dir, wo du Dinge ausprobieren, mehr erfahren und im Zweifelsfall auch den Support erreichen kannst. Hersteller stecken ziemlich viel Aufwand in diese ersten Schritte. Du sollst das Gefühl haben, dass dein Leben durch dieses Gerät ein kleines bisschen besser geworden ist. Zumindest, solange du es noch zurückgeben könntest.

Wenn es dagegen darum geht, sich von einem Gerät zu verabschieden, ist niemand zur Stelle. Vielleicht findest du noch eine Seite, die dir sagt, wie du dein Gerät komplett zurücksetzen kannst, bevor du es verschickst (z. B. bei Apple und Microsoft). Meistens aber sagen die Bedienungsanleitungen oder Supportseiten nur eines: “Entsorge deinen Elektroschrott fachgerecht.” Und du sitzt da – vor drölf offenen Tabs und Webseiten zu Wertstoffmobilen, Sammelaktionen oder den Öffnungszeiten deines Recyclinghofs.

Dieses Bild sagt dir nicht, was du tun solltest.

Viele soziale Shops wie Oxfam, Second-Hand-Läden oder Sozialkaufhäuser nehmen Elektroaltgeräte nicht an. Elektrofachmärkte und neuerdings auch Discounter sind dagegen per Gesetz dazu verpflichtet. Sogar Apple nimmt alte Geräte zurück (und macht damit so etwas Ähnliches wie Recycling). In manchen Städten kannst du auch Sperrmüll anmelden und hoffen, dass am nächsten Morgen der Bürgersteig wieder leer ist. Oder du lagerst dein altes Zeug einfach im Keller (oder im Schrank oder auf dem Dachboden oder in der Schublade), bis dir eine bessere Lösung einfällt. Eine, die übers Abschieben und Mit-Glück-dem-Recyling-Zuführen hinausgeht.

Nur: Es kommt keine bessere Lösung. Als die Mitbewohnerin eines Kollegen ausgezogen ist, hatte sie irgendwann eine Kiste voller alter Smartphones und Elektrozeug in der Hand, die sie seit drei Umzügen begleiten. Der Vater eines Freundes musste erst fünf alte Laptops im Schrank stapeln, bevor er seinen Sohn fragte, was er damit machen sollte. Wir wissen, dass wir Geräte mit Displays und Akkus nicht einfach so wegwerfen sollten, aber keiner weiß so genau, was wir eigentlich damit tun sollen. Und je älter die Geräte sind, desto schwerer sind sie zu verkaufen oder wegzugeben.

Warum tun wir uns das an? Weil wir uns nicht angreifbar machen wollen. Vielleicht können wir echt schlecht feilschen, vielleicht haben wir ein bisschen Angst davor, mit Fremden zu reden, oder denken aus irgendeinem Grund, dass es unter unserer Würde ist, Dinge weiterzuverkaufen – und lächelt peinlich berührt, wenn man es auf dem städtischen Flohmarkt doch mal versucht und jemanden trifft, den man kennt.

Also kapitulieren wir und stecken das iPhone 5c in die Schublade, in der all die eigentlichen Abschiede liegen, um die wir uns herummogeln wollten.

Das Ende von Dingen erinnert uns an unser eigenes

Ein gutes Buch zu diesem Thema ist Ends von Joe MacLeod, das leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Ends wirft einen sehr langen und genauen Blick darauf, warum wir als Konsumgesellschaft nicht anerkennen wollen, dass Dinge und Geräte ein Ende haben. 

Filme, Bücher und Spiele haben normalerweise einen klaren Anfang, eine Mitte und ein Ende. Die Dinge, die unsere Großeltern noch gekauft haben, wurden repariert, wiederverwendet oder an jüngere Geschwister weitergegeben, und der Schrottsammler hatte Glück, wenn er noch was abgreifen konnte. Die Geräte, Services und Apps unserer Generation dagegen liegen so lange in der Schublade oder ungenutzt auf dem Handy, bis Wegwerfen oder Löschen die einzige Option bleibt. Die Gründe dafür reichen von der puritanischen Arbeitsmoral über die Psychologie neu gekaufter Dinge und geplanter Obsoleszenz bis hin zu unser menschlichen Neigung, das Scheitern unserer Produkte mit unserem eigenen gleichzusetzen.

iFixit-Redakteur Kevin Purdy hat MacLeod im Januar 2020 zu seiner Arbeit mit Elektroschrott und dem Entsorgen von Dingen interviewt: Er hat eine Risikoberechnung für das Entsorgen aufgeschlüsselt, die scheinbar unbewusst in uns allen abläuft. Es ist ein geringes Risiko und ein großer Gewinn, ein altes Sofa loszuwerden. Du schaffst viel Platz, niemand kann über dein altes Sofa an deine Kontodaten kommen (hoffentlich), und als Müll schadet es der Umwelt nicht wirklich.

Bei Handys, Laptops und anderen Elektronikgeräten sieht die Sache aber anders aus. Sie sind meist nicht groß und sie stecken voller Geheimnisse über uns. Selbst wenn du alles löschst, könnte jemand an deine Daten kommen. Die Hersteller sagen dir nur, dass du ihre Geräte nicht einfach wegwerfen darfst. Und niemand sagt dir, dass Schubladen voller alter Handys ein Teil des Elektroschrott-Problems sind.

“Ist ’nicht im Restmüll entsorgen‘ eine klare Handlungsanweisung? Nein, es drückt dir nur die Verantwortung in die Hände”, sagt MacLeod. “Wenn man mich fragt, sollte man Firmen stärker in die Verantwortung ziehen – auch über das Lebensende eines Produkts hinaus.“

Der Status Quo sieht nur leider anders aus: Die wenigsten von uns wissen ohne Recherche, wohin ein Gerät gehört, wenn man es nicht mehr braucht. Deswegen landen die meisten in Schränken und Schubladen, nur damit dein zukünftiges Ich – jenes mit zu viel Zeit – sich damit auseinandersetzt. Aber was könnte dein jetziges Ich tun?

Pack’s an. Und verdiene vielleicht sogar Geld damit.

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Wenn du etwas jemandem verkaufen kannst, der es wirklich nutzt, tu es! Wenn es sich nicht mehr verkaufen lässt, verschenke es oder spende es einer Organisation, die es noch verwenden kann. Labdoo beispielsweise nimmt alte Laptops an, frischt sie auf und gibt sie an Menschen, die sich keinen leisten können. Sparfüchse und Ersatzteiljäger beglücken oder ungewöhnliche Schulprojekte unterstützen – fast alles ist besser, als Geräte zu recyceln.

Und um dir letzte Zweifel und Sorgen zu nehmen, hier die FAQ fürs Verkaufen alter Elektronik:

  • Was kann ich für das alte Ding denn noch verlangen? Sieh dir an, wieviel andere dafür noch geboten haben. Aber eigentlich ist jeder Preis besser als es am Ende doch nicht zu verkaufen.
  • Lohnt sich das einstellen (uff), verpacken (seufz) und verschicken (bla) wirklich? Ja.
  • Was, wenn sich jemand beschwert oder etwas wissen will, was ich nicht weiß? Das Schlimmste wäre, dass du jemandem sein Geld zurückerstattest, deine alten Sachen aber trotzdem los bist.
  • Gibt’s nicht viel zu viele Betrüger da draußen? Ja, aber es gibt Tipps, wie du sicher verkaufen kannst.
  • Was ist nochmal so schlimm daran, dass die Sachen hier in einer Schublade liegen? Frag‘ das die Marie Kondo in dir oder lies diesen Artikel nochmal.
  • Ich bekomme so wenig dafür, da lohnt sich nicht mal das Porto. Das kommt vor. Dann verschenke es an jemanden in deiner Umgebung.
  • Da haben sich eine ganze Menge Leute gemeldet. Woher weiß ich, wer das Ding bekommen soll? Würfle, wirf eine Münze oder überlege, wer es am ehesten braucht. Die anderen werden dir vergeben haben, bevor du diesen Post fertig gelesen hast. Denk nur dran, dein Angebot zu löschen, wenn die Sachen weg sind.

Wir erinnern uns noch gut daran, wie verrückt alle eBay fanden, als es losging. Du schickst jemandem Geld für etwas, dass du noch nicht gesehen oder getestet hast? Heute kaufen wir eher neu und billig und mit einer garantierten Lieferung am nächsten Tag, aber eBay ist immer noch da und nicht alleine: Shpock, Facebook Marketplace, eBay Kleinanzeigen und hunderte weitere Seiten ermöglichen dir das Verkaufen deiner alten Sachen. Und selbst das gute alte Quoka ist noch da.

Electronics with a bunch of "Sale" tags around them

Im schlimmsten Fall bist du deine Sachen los

Unser technischer Autor Kevin Purdy erzählt: „Ende 2020 habe ich meinen Computer aufgerüstet. Neue Grafikkarte, neues Netzteil, neuer Lüfter. Am Tag danach habe ich die alten Sachen über eBay verkauft. Die Grafikkarte – eine vier Jahre alte GTX 1070 – war nach vier Minuten weg für einen gar nicht mal so niedrigen Preis. Das Netzteil und der Lüfter hatten am Ende der 3-Tages-Auktion neue Besitzer. Ich war so begeistert, dass ich noch mehr Altes aus meiner Krempelschublade verkauft habe: Den Router aus meiner letzten Wohnung, smarte LED-Birnen, ein Thunderbolt Dock.“

Der Mensch, der das Netzteil ersteigert hatte, meldete sich ein wenig später bei Kevin; irgendetwas funktionierte nicht. „Wir haben ein wenig hin und her gemailt und es schien, dass ich das beim Ausbauen kaputt gemacht habe. Für einen kurzen Moment war das der Beweis dafür, dass ich gescheitert bin. Dass ich niemand war, der Dinge verkaufen sollte. Dann habe ich ihm einfach das Geld zurückgezahlt. Wenn das Netzteil wirklich ganz kaputt ist, hoffe ich, er recycelt es richtig. Aber hey, wir haben’s versucht und es fühlt sich trotzdem richtig gut an, dass meine Krempelschublade seitdem aufgeräumter ist.“

Privat verkaufte Gebrauchtelektronik wird die Welt nicht in ihren Grundfesten erschüttern. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Also denk‘ nicht zu lange über den besten Preis nach und hab‘ keine Angst vor dem Bisschen Arbeitsaufwand. Du kriegst das hin – und die Umwelt dankt es dir.

Disclaimer: Dieser Text stammt im Original von Kevin Purdy und wurde übersetzt und überarbeitet von Fabian Neidhardt & Dorothea Kessler.